Wer bin ich?

Bulgarien-Plovdiv-Bikulturalität

Die Frage nach der eigenen Identität ist nach „Leben nach dem Tod?“ die schwierigste.

„Fühlst du dich mehr Deutsch oder Bulgarisch?“, fragte mich meine Mutter früher. Entweder/Oder. Menschen lieben Kategorien. Mathematisch betrachtet bin ich fifty-fity: 50 Prozent westeuropäisches, 50 Prozent osteuropäisches Blut. Dann wird es kompliziert: Mein deutscher Großvater stammt aus Ostpreußen, heute Estland. Meine bulgarischen Großeltern  aus dem mazedonischen Teil Bulgariens. Geboren und aufgewachsen bin ich in Deutschland. Ich komme aus einer bayerischen Kleinstadt, deren  Menschen und Eigenarten mir seit 18 Jahren vertraut sind. Die Hälfte meiner Familie lebt in Bulgarien. Schon im Bauch meiner Mutter war ich dort, seitdem fast jedes Jahr.

  • Sprichst du Bulgarisch?
  • Ach, ich war schon mal am Sonnenstrand. Schön dort!
  • Bulgarien ist im Vergleich zu früher teuer geworden
  •  „Du sprichst aber gut Deutsch“, nach Blick auf meinen Namen

Plovdivs Viertel Trakia ist mein Block. Die Wohnung meiner Großmutter mein drittes Zuhause. Türkischer Kaffee am Morgen, warmes Pitka und Chalga aus den Boxen des Nachbars aus dem fünften Stock über uns. So sieht morning glory aus.

Wie Rom wurde Plovdiv ursprünglich auf sieben Hügeln erbaut. Armut trübt die schönen Erinnerungen an Sommernächte und König der Welt-Gefühle über der Stadt. Oma altert mit jedem Besuch. Sanitäter hätten unsere kranke Nachbarin liegen gelassen, wenn meine Oma nicht die 10 Leva (umgerechnet 5 Euro) übernommen hätte, die sie nicht bezahlen konnte. Als ihr Mann noch am Leben war, ging das Nachbarehepaar im Winter tagsüber in ein Café, um Heizkosten zu sparen. Meine Großmutter kocht Gemüse aus dem Garten ein, um mit ihren 360 Leva Monatsrente (180 Euro)  auszukommen.

Hochzeit-Plovdiv

Identität ist kein MyHeritage DNA Kit für 69 Euro

„Ich bin deutsch und habe bulgarische Wurzeln.“ Standardsatz.  Menschen mögen Verortung. Kategorien wie Deutsch oder Bulgarisch. Zuhause bin ich in beiden Kulturen. Der Kontrast zwischen Ost- und Westeuropa, zeigt mir, wie scheiße privilegiert ich bin.  Meine bikulturelle Identität öffnet mir in Balkanländern Türen. Eine ähnliche Kultur und Mentalität verbindet.

Nein, Fucker. Ich schäme mich nicht für meine osteuropäische Herkunft.

Es erheitert mich, wenn Deutsche von „denen da unten (im Osten)“ sprechen und sich unterschwellig über Osteuropäer erheben. Beispiel: Meine Mutter erzählt einer fernen Bekannten P auf der Straße vom Papa-Bruder-Ich-Bulgarienbesuch und erwähnt, dass sie nicht mitgeht, weil sie arbeiten muss. P nimmt an, es liest sich aus ihrem Gesicht, dass meine Mutter Bulgarien nicht mag. Geschichten wie diese gibt es mehrere.

Das andere Extrem sind Deutsche, die nach einer Woche in Bulgarien zum Experten avancieren. Nein, Malte, dein Saufurlaub am Goldstrand  macht dich nicht zum Bulgarienversteher. Multikulturalismus ist kein exotisches Extra, das man sich  überstülpt. Bikulturelle Identität ergibt sich aus Herkunft, Prägung und Haltung.

Mein Bruder fühlt sich schon immer weniger Bulgarisch als ich. Seine Physiognomie kommt von der deutschen Seite meiner Mutter während ich die Geheimratsecken und markante Nase meines Vaters vererbt bekommen habe. Die Augen: Doitsch. Just kidding. Identität lässt sich nicht sezieren, wie Eltern es mit der Physiognomie ihrer Brut tun. Sie entwickelt sich.

Bulgarien-Plovdiv-Unangepasst-Blog

In Deutschland werde ich als Deutsch wahrgenommen, sodass der Mittfünfziger im ICE mit mir über Geflüchtete hetzen will. #nicetry In Bulgarien werde ich als Touristin wahrgenommen und ohne meinen Vater vom Taxifahrer abgezogen. Im Interview für „Bulgariens Jugend flüchtet aus der Heimat“ hatte ich eine Basis mit meinem Gegenüber, weil ich die Lebensbedingungen in Bulgarien  kenne.

„Persönliche Identität ist kontingent und änderbar: Eigenschaften können sich über die Zeit ändern. Im Kontrast zu ethnischer oder nationaler Identität“ (Olson, 2015).

„IN einer Welt sich ständig verschiebender Grenzen ist der Körper – die stoffliche Hülle des Ich – eine der wirklich verlässlichen Grenzen (oder sollte es sein)“, schreibt Priya Basil.  Kopf, Hals, Arme, Rumpf, Beine: Die Materie, die mich seit 21 Jahren durch die Welt trägt, ist mein Zuhause. Tattoos und Narben: Teile meines Seins, von Vergangenheit und Zukunft.

Ich bin in der deutschen Sprache zuhause. In der Literatur. Meiner Liebe zu Wörtern. Dem Journalismus. Die deutsche und bulgarische Kultur sind unabhängig von geographischen Grenzen Teil meiner Identität.

точка. Punkt.