Kapitalismus muss sterben, damit wir leben können!

Kapitalismus-Unangepasst-Blog

Gastbeitrag von Dirk.

Der Kapitalismus ist das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem wir jeden Tag leben und arbeiten, lieben, verzweifeln und lachen. Doch obwohl „das Sein das Bewusstsein“ (Marx) bestimmt, also auch unser Leben im Kapitalismus unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmt, habe ich das Gefühl, dass ein großer Teil der Menschen gar nicht versteht, was Kapitalismus ist, wie er funktioniert und warum er seit seinem Antritt im England des 18. Jahrhunderts zum bis heute dominierenden System geworden ist. Anders ist das, zum Scheitern verurteilte, Gerede und die Hoffnung vieler, die glauben, dieses System „irgendwie reformieren“, „irgendwie menschlicher“ machen zu können, nicht zu erklären.

Werner Sombart, Karl Marx oder Joseph Schumpeter, um nur einige zu nennen, haben die Funktionsweise des Kapitalismus bereits vor vielen Jahrzehnten beschrieben – auch wenn sie selbst zu unterschiedlichen Schlüssen kamen, was daraus folgt. Marx („Alles Ständische und Stehende verdampft“) sprach gar in höchsten Tönen von der Dynamik, die der Kapitalismus zwangsläufig entfaltet. Schumpeter sieht im dynamischen und innovativen Unternehmer, der stets neue Innovationen hervorbringen muss, um am Markt zu überleben, die Triebkraft des Kapitalismus. Diese „schöpferische Zerstörung“ ist es, die für die, unbestritten, große Dynamik des Kapitalismus sorgt. Wer dieser Logik im Kapitalismus nicht folgt, verschwindet. Je globaler der Wettbewerb, desto brutaler wird er, aber auch desto innovativer wird der Kapitalismus – zwei Seiten, eine Medaille. Die unbestrittene Innovationskraft ist nicht zu trennen von der Ausbeutung und der – wie Lessenich es nennt – Externalisierung zu trennen, also der Auslagerung der Kosten. Sowohl global, als auch psychisch in uns. Oder wer überblickt noch bei irgendeiner Kaufentscheidung im Möbelhaus oder Supermarkt, welche globalen Folgewirkungen jeder einzelne Kauf hat?

Wettbewerb bedeutet zwangsläufig, dass jemand gewinnt – und dass jemand verliert. Aus dem Markt ausscheidet. Und das, nur am Rande, ohne staatliche Eingriffe, irgendwann Oligopole bzw. Monopole entstehen. Das war am Beispiel des Fernbusmarktes gut zu erkennen. Waren zu Beginn einige Anbieter am Markt, hat sich das Feld gelichtet und Flixbus ist heute de facto Monopolist. Wurden zu Beginn vor allem Berichte über Lohndumping oder Betrug bei den Lenkzeiten bekannt, so ist das ein Weg der Kapitalisten, mehr Gewinn abzuschöpfen und gegenüber den Wettbewerbern einen Vorteil zu erzielen. Wer am Ende das meiste Kapital in der Hinterhand hatte, um diesen Unterbietungswettbewerb bei den Preisen durchzuhalten, der setzte sich letztlich durch und blieb am Markt bestehen. Das ist Kapitalismus in Reinform. Mit Qualität, die sich am Ende durchsetzen würde, wie Liberale gerne behaupten, hat das letztlich wenig bis gar nichts zu tun.

Es gibt viele ApologetInnen, die glauben, man könnte den Kapitalismus reformieren. Gar menschlicher machen. Slow-Bewegungen, die z. B. für weniger und nachhaltigeren Konsum eintreten, beispielsweise. Ihnen allen fehlt ein grundlegendes Verständnis der Wirkungsweise des Kapitalismus. Kapitalismus, auch das ist sein Wesen und ein Grund, warum er seit über 250 Jahren das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben dominiert, ist unglaublich anpassungsfähig. Mindestlohn? Ja okay, wenns sein muss! Die autoritär-kapitalistische Variante ala China oder Russland? Kein Problem! Die laissez-faire-Variante in den USA? Läuft.

Was all diese Bewegungen nicht verstehen, ist, dass sie am Ende des Tages dem Kapitalismus nützen. „Seht her, so schlimm kann ich nicht sein, wenn selbst solche Bewegungen in mir Platz haben!“ – gleichzeitig vereinnahmt das System diese Bewegungen, macht sie zu einem Bestandteil von sich und damit letztlich wirkungslos. Herbert Marcuse hat das in seinem Buch „Der eindimensionale Mensch“ wortmächtiger und detaillierter dargelegt als jede andere Publikation, die ich kenne.

Der Kapitalismus, das ist wesentlicher und nicht wegzukriegender Bestandteil seines Systems, produziert Ungerechtigkeiten. Produziert Verlierer. Kapitalismus ohne diese Seite der Medaille gibt es nicht. Dies ist der eine Punkt, an dem diese Bewegungen scheitern. Ihr Impuls „man muss da doch etwas machen gegen!“ ist menschlich vollkommen nachvollziehbar. Ihre hilflosen Versuche hingegen sind nur bemitleidenswert. Ihr Klagen erinnert mich immer an einen Klempner, der vor einem vollkommen kaputten Rohr steht, das immer wieder an einer anderen Stelle beginnt zu tropfen. Er schließt das Loch wieder, doch er weiß, er muss bald wieder kommen, um die nächste Stelle abzudichten, aber er darf oder kann nicht das einzig Richtige tun: Das Rohr ersetzen.

Die Bewegungen sind systemstabilisierend, weil sie die Ungerechtigkeiten, die der Kapitalismus zwangsläufig produziert, abfedern. Weil sie einem falschen Impuls folgen, der zwar menschlich im ersten Augenblick richtig erscheint, im zweiten aber das Leiden sogar verlängert, um im Bild zu bleiben, die Arbeit des Klempners weiter erforderlich macht. Über 250 Jahre inzwischen, um genauer zu sein.

Ganz davon abgesehen, dass solche Bewegungen nie wirklich lange bestehen und daher für den Kapitalismus sowieso nicht gefährdend sind. Der Kapitalismus hat so lange überdauert, weil er flexibel ist. Weil er alle Kritik in sich aufnehmen kann, die nicht aus der einen, letztlich unausweichlichen, Entscheidung besteht: Der großen Weigerung (Marcuse). Den Kapitalismus, dieses System das auf Ausbeutung, Wettbewerb, Kosten-Nutzen-Denken, welches inzwischen selbst unsere zwischenmenschlichen Beziehungen dominiert und vor nichts Halt machen wird, bis der ganze Planet ausgebeutet ist, zu zerstören.

Dieses System zu zerstören und ein auf Solidarität, auf Menschlichkeit bestehendes System aufzubauen. Ein System, dass „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinem Bedürfnissen“ (Marx) ermöglicht, in dem wir nicht nach mehr Arbeit schreien, sondern versuchen, die Technologie für uns zu nutzen, damit sie für uns die Arbeit erledigt. In dem wir nicht darüber nachdenken, „mehr Wertschöpfung“ zu schaffen. Sondern, wie wir unser, hier bin ich ganz Existentialist, „absurdes Leben“ möglichst farbenfroh, inhaltsreich und mitmenschlich-solidarisch gestalten und uns entfalten können – in den Bereichen, wo wir es gerade möchten und nicht in denen, wo wir dazu gezwungen sind.

Kapitalismus muss sterben, damit wir leben können!

Mehr von Dirk findet ihr auf Instagram. 

Header-Foto: Flickr unter CC BY 2.0.

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2 Gedanken zu “Kapitalismus muss sterben, damit wir leben können!

  1. Toller Beitrag!
    Im letzten Abschnitt würde ich noch Faire Verteilung, bzw Austausch hinzufügen aber ansonsten trifft das schon sehr gut den Kern einer lebenswerten Zukunft, wie ich finde 🙂

    In diesem Sinne, tauschet die Rohre und lasset das Wasser fließen.

    Gefällt 1 Person

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