Leben in der Blase

Unangepasst-Blase-Seifenblase-Konsumkritik-Nachhaltigkeit

Nachhaltige Bewegungen schaffen Gemeinschaft und grenzen gleichzeitig aus.

Grüner Lifestyle wird online mit veganen Rezepten, Menstruationstassen und Digital Detox zelebriert. Auf Blogs mit weißem Layout, gefüllt mit klugen Selbsterkenntnissen, die eine positive Außenwirkung erzielen sollen und potentielle Widersprüche geschickt kaschieren. Größter Gewinner: Das Gewissen des Nachhaltigkeitsanhängers, der durch sein Handeln Teil einer Gemeinschaft wird.

Wir alle Leben in einer Blase.

Leben in der Blase ist unvermeidlich. Aus Gedanken, Träumen und Ideen formt sich unser Kosmos. Wir müssen uns entscheiden. Gegen/ Für Bewegungen und Ideologien. Kreieren und inszenieren unseren Lifestyle als Teil unserer Identität. Lifestyle hat laut Professor Hans Peter Müller zwei Aspekte:  Materialismus und Idealismus. Geld und die soziale Stellung in der Gesellschaft sind wichtige Faktoren für unterschiedliche Lifestyles. Menschen mit sozialschwachem Hintergrund und niedrigem Einkommen fehlt die Möglichkeit zur bewussten Wahl ihres Lebensstils.*

Zero Waste, Healthy Living, Ethical Consumption und Minimalismus sind DIE globalen grünen Bewegungen. Gut, dass Nachhaltigkeit im Mainstream ankommt. Schlecht, dass grüner Lifestyle auch ausgrenzt.

Nicht jeder 

  • kann sich Bio-Lebensmittel, Fair Fashion und Küchenutensilien aus Holz leisten.
  • hat die Wahl zwischen Zug oder Flugzeug, weil Reisen für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit ist. 
  • besitzt zwischen drei unterbezahlten Minijobs die Zeit, um sich in Nachhaltigkeitsgruppen und Blogs mit anderen auszutauschen, weil er „nichts ordentliches gelernt hat“ (Shoutout an Peter Tauber)

Nachhaltigkeit ist für mich spannend, widersprüchlich und fordernd. Neues Wissen über Green Washing, Ressourcen und Lösungsansätze macht meine Welt komplexer und dient  meiner Identifikation mit einem ethisch orientierten Lifestyle. Automatisch folgt daraus die bewusste Abgrenzung von allen, die einen Fick auf Menschenrechte  geben. Unbewusst die Abgrenzung von Menschen mit anderem soziodemografischen Hintergrund

Zugegeben: Es lebt sich schön in der Blase. Umgeben von Menschen mit ähnlichen Interessen, Werten und Lebensstilen. Soziale Gefüge bilden sich automatisch.

Dabei haben die Menschen, die 89-Cent-Wurst vom Aldi, Primark-Kleidung und X kaufen oft eine geringere Ökobilanz als der ambitionierte Anhänger der Nachhaltigkeitsbewegung, der sich in der Anerkennung seiner Mitstreiter auf Instagram suhlt. Weil Menschtyp Eins auf das Fliegen verzichten müssen. Keine weiten Wochenendausflüge mit dem Auto machen und sich keine importierte Fair Trade-Schokolade aus Peru im Dritte Welt-Laden kaufen.

Nehmt das, ihr/wir selbstgefälligen Narzissten!

Rotzige Texte ohne Diskussionsaufruf oder Lösungsansätze sind fehlgeschlagene Kritik. Um zu erkennen, dass grüner Lifestyle, Minimalismus und Konsumkritik hauptsächlich ein Mittelschichtding sind, muss man kein Soziologe sein.

Je mehr ich über diesen Umstand nachdachte, desto betrübter wurde ich. Ja, ich bin sehr privilegiert und dankbar, dass ich meinen Lifestyle und Konsum bewusst gestalten kann. Viele Menschen in Deutschland haben diese Wahl nicht.  Menschen mit sozialschwachem Hintergrund wird der Zugang  und die Möglichkeit der Mitwirkung an grünen Bewegungen durch ökonomische und soziale Ungleichheit erschwert.

Schade, denn wir alle teilen uns die Verantwortung für die Welt. Zeit, allen die Möglichkeit zur Mitgestaltung und Weiterbildung zu geben. Ökobewusstsein soll und darf sich nicht auf die überdurchschnittlich gebildete Mitte der Gesellschaft mit gutem Einkommen beschränken. Die neue grüne Elite setzt sich aus Menschen der gleichen Gesellschaftsschicht zusammen. Wir brauchen mehr Vielfalt. Ein Nadelstich reicht aus, um eine Seifenblase zu zerplatzen. Wie viele brauchen wir zum Abbau sozialer Grenzen?

Ich bin gespannt auf eure Meinungen und Perspektiven. 

*Zur Vertiefung empfehle ich das Projekt „Was ist schon arm?“ des SPIEGELs.

Header-Foto: Zoe Rudisill via Flickr unter  CC BY 2.0

 

10 Gedanken zu “Leben in der Blase

  1. Touché und sehr anregend! Ich habe darüber auch schön öfter nachgedacht und bin zusätzlich zu der Erkenntnis gekommen, dass viel zu selten zwischen interner und externer Nachhaltigkeit unterschieden wird. Fährt man sich beispielsweise pro Tag eine Avocado rein, zählt das für mich zu interner Nachhaltigkeit und kann auch im Gegensatz zur externen Nachhaltigkeit stehen. Ich habe deshalb kürzlich eine Reihe angefangen, die über Erntezeiten deutscher Gemüse informiert. Würde mich interessieren was du dazu vor dem Hintergrund sagst.

    Liebe Grüße!
    Anna

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  2. Ein Leben in der Blase – ein wunderbar kritischer Artikel zum Mainstream Trend „Nachhaltigkeit“. Ich stimme zu, dass das Wissen über den Wandel in jedem Fall einen Mehrwert für die Gesellschaft darstellt. Außerdem verfechte ich den Leitsatz „you do you“. Jeder wie (viel oder wenig) er kann und möchte.

    Liebe Grüße,
    Stephanie

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    1. Liebe Stephanie,

      ja, Leben und leben lassen. Ich fände es schön, wenn Nachhaltigkeit sich eben nicht nur hauptsächlich auf die Mittelschicht beschränken würde. So ist Green Lifestyle wirklich das neue Hipstertum.

      By the way: Geht dein Blog wieder online? Wollte eben neugierig vorbei schauen. Leider ist die Seite gelöscht.

      Liebe Grüße

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  3. Ein Freund sagte mir: Ich kaufe auch bei Tedi.

    Es glich einer Beichte. Schräg. Ja, ich kaufe Hackfleisch bei Kaufland und Kleidung bei Kik. Es fordert mir auch ein „Aber“ ab. Aber das wäre eine Beichte. Und das ist der Fehler. Solange „Nachhaltig“ nicht sexy ist, schrecken vegane Pommes ab, obwohl sie eigentlich nur Pommes sind. Soweit. Arbeiten wir dran! Grün hat auch verschiedene Töne. Merci kluge Frau. 🎈

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  4. Sehr interessanter Gedanke!
    Meine Familie und ich versuchen uns seit einem Jahr in Zero-Waste. Wir stoßen auf viel Interesse und gehen manchen bestimmt auch auf die Nerven 😉 Bei vielen weckt man das schlechte Gewissen und bringt die Leute in einen Rechtfertigungszwang. Das halte ich für schädlich sowohl für die Verbreitung von Ökobewusstsein als auch für die persönliche Beziehung.
    Daher finde ich es wichtig, von dem hohen Ross des „Lifestyles“ mal runter zu kommen. „Leben und leben lassen“ ist ein gutes Stichwort. Wir versuchen dies in Gesprächen deutlich zu machen. Bzgl. Zero-Waste betone ich die persönlichen Vorteile, dass das Leben schöner, angenehmer und einfacher wird. Der Umweltgedanke ist da eher Nebensache. Weiterhin sollte sich jeder nur die Zero-Waste-Ideen rauspicken, die ihm Spaß machen und zu ihm passen.
    Und dann sind wir schnell bei den Leuten mit weniger Geld. Es gibt eine Menge Zero-Waste- und Minimalismus-Ideen, die den Geldbeutel massiv schonen. Warum sollte das nicht passen? Deine Beobachtung, dass wir in einer gewissen Blase leben, finde ich stichhaltig. Aber ich sehe nicht, dass der „grüne Lifestyle“ zwangsläufig ausgrenzen muss. Ich vermute eher, dass manche Blogs bei manchen Leuten großkotzig und besserwisserisch ankommen und daher gewissermaßen ausgrenzen. Ideologisch aufgeheizte Debatten z.B. zwischen Fleischessern, Vegetariern und Veganern halte ich auch nicht für besonders hilfreich. Vielleicht sollten wir uns da alle mal an die eigene Nase fassen und wegkommen von dem hochtrabenden „Lifestyle“-Gefasel.
    Vielen Dank für die Anregung!
    Helge

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  5. Gute Anregung zur Diskussion. Jedoch ist ein nachhaltiger Lebensstil keinesfalls ein „Mittelschichtding“. Auch jemand mit drei unterbezahlten Minijobs kann durchaus einen nachhaltigen Lebensstil pflegen. Ich habe da so einige Bekannte und Freunde im In- und Ausland die gerade weil sie so wenig Geld zur Verfügung haben, vermutlich nachhaltiger und ökologisch sinnvoller leben, als so manche „Münchner Porsche Cayenne Mutti“ die ihre Lebensmittel bei Alnatura kauft. Zumal die Leute die wenig Geld haben auch nicht fünf Mal im Jahr in Urlaub fliegen und einen SUV fahren.

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  6. Hey Nils, es ist bewiesen, dass grüner Konsum sich auf die Mittelschicht & Upper Class beschränkt. Zum grünen Lifestyle: Meinen Beobachtungen nach sind es viele Menschen aus der Mittelschicht, die bewusster leben wollen. Darunter auch der „Münchner Porsche Cayenne Mutti“-Typus. Dass Menschen mit wenig Geld gezwungenermaßen nachhaltiger leben als Menschen, die zum Beispiel viel fliegen, greife ich im Text auf. Summa Summarum: Ein nachhaltiger Lifestyle ist 2017 im Trend und in der Mitte der Gesellschaft fest verankert. Widersprüche gibt es. Grüner Konsum ist oft nur der Versuch nachhaltiger zu leben ohne Opfer durch eigene Verzichte zu bringen.

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