Nachhaltigkeit & Moral

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„Eure einseitige Moral kotzt mich an!“ – Ein Rant über Nachhaltigkeit, Aus-und Abgrenzung.

Wir schreiben das Jahr 2017. Nachhaltigkeit ist ein Statussymbol, das von vielen Unternehmen als Buzzword missbraucht wird. Stichwort: Greenwashing. Unter dem vermeintlich grünen Deckmantel wird unethischer Shit vertickt. Hipster protestieren in Nike-Sneakern gegen die Eröffnung eines neuen Primark-Geschäfts und feiern sich währenddessen als Jesus‘ Reinkarnation.

Im Internet mutieren Menschen, die noch vor einem Jahr verächtlich auf Foodsharing-Aktivist*innen blickten, zu Nachhaltigkeitskoryphäen. Lassen sich über Menschen aus der Unterschicht aus, die Nudeln im Netto statt mit Jutebeutel im  Unverpackt-Laden des neuen Gentrifizierungsbezirks kaufen.

Willkommen in unserer nachhaltigen Welt

Reflektion und das Durchbrechen der eigenen, einseitigen Perspektive fehlen mir bei vielen Jüngern nachhaltig geprägter Bewegungen von Zero Waste bis Minimalismus. Nachhaltigkeit ist kein Selbstläufer. Keine simple Philosophie, der man unreflektiert folgen kann. Ein nachhaltig orientierter Lebensstil erfordert viel Selbstbildung und die konstante Auseinandersetzung mit den eigenen Überzeugungen. Papiertüten statt Plastiktüten sind NICHT automatisch nachhaltiger. Aus Asien eingeflogene Bambus-Zahnbürsten sichern dir zwar deinen Platz in der Plastikfrei-Community, geeint durch einen gemeinsamen Feind: Satan aka Kunststoff. Ressourcenschonender und besser für die Umwelt sind Produkte ohne Plastik aber eben trotz Siegeln nicht zwangsläufig.

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ – Bertold Brecht

Einen nachhaltig geprägten Lifestyle muss man sich erstmal leisten können. „Das soziale Aufwerten von Verhaltensweisen und Lebensstilen schafft Identität. Aber es grenzt auch ab und aus“, schreibt Ursula von Weidenfeld in ihrem Kommentar „Fleischverzicht ist das neue Statussymbol.

Wer verurteilt, erhebt sich. Macht eine Açaí-Bowl mit Gojibeeren statt einem Wurstbrot, Papier-statt Plastiktüte wirklich einen besseren Menschen aus? Ich finde: Nein. Visionen einer besseren Welt gehen für mich einher mit besserem zwischenmenschlichem Umgang. Hochmütige Abgrenzung von vermeintlich „Unwissenden“ erschafft künstliche Grenzen statt ehrlicher Gemeinschaft mit widersprüchlichen Ansichten.

Wer nur in den Wald Müllsammeln geht, um Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, hat das Prinzip „Nachhaltigkeit/Gute Taten“ ebenso wenig verstanden wie Volontouris, die im Sommer drei Wochen lang in einem Waisenhaus freiwillige Arbeit leisten und anschließend stolz zurückkehren. Facebook-Fotos mit süßen Waisenkindern, untermalt mit dem Gandhi-Zitat „Be the change you want to see in the world“, sind obligatorisch. Ein nachhaltiger sozialer Umgang mit der Umwelt und den Menschen sind es für viele nicht. Moderner Ablasshandel existiert.

Moral ist ein vielschichtiges Konzept. An erster Stelle steht die eigene.

Ich plädiere dafür, bewusster und nachhaltiger zu leben.  Ohne Predigen, ohne Verurteilung. Eine „Die vs Wir“-Mentalität, die sich in vielen Gruppen mit nachhaltig orientierten Menschen herauskristallisiert, halte ich für falsch.

Es ist Zeit, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. „Böses Plastik“-Rufe und die Verurteilung von Menschen, die im Discounter statt im Biomarkt kaufen, führen mit Garantie nicht zum Ziel. Ohne den ehrlichen Austausch mit anderen Menschen, einen Schritt aus der eigenen Komfortzone und in die Perspektive anderer Menschen wird das Streben nach einem ressourcenschonenderen Leben keine weiten Kreise ziehen. Wie wir in Bayern sagen: Pack mer’s an! Ohne Zeigefinger, mit Herz.

10 Gedanken zu “Nachhaltigkeit & Moral

  1. Leider stößt eine Besserwisser oder besserer Mensch Moral andere Menschen ab, die eigentlich Interesse zeigen würden! Das ist soooo traurig! Dadurch verlieren wir ganz viele Möglichkeiten! Nur durch Weltoffenheit, Gelassenheit und gegenseitigen Respekt kann etwas verändert werden! Geben wir doch lieber Komplimente anstatt anderen zu zeigen was sie alles falsch machen… Positive Bestätigung hilft immer am Besten! Ein älterer Psychiatriekollege sagte zu einem gewalttätigen Jungen: “Ich sehe Du bist total wütend, das er den Gokart bekommen hat und nicht du! Wow, ich bin richtig stolz auf Dich! wie hast du denn das geschafft, dem Kind nicht wie sonnst immer eine rein zu hauen? Da kannst du richtig stolz auf dich sein!“
    Ich dachte, wie fantastisch, seine Wut wird ignoriert und der Junge bekommt direkt ein Kompliment für sein (besseres) Verhalten.

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  2. Ein sehr lesenswerter Beitrag, in dessen Satz „Visionen einer besseren Welt gehen für mich einher mit besserem zwischenmenschlichem Umgang.“ die vielleicht größte Problematik erfasst wird: Die totale Ökonomisierung und Nacktheit des Privaten, einhergehend mit dem Willen, sich auf welche Art auch immer abzugrenzen (und sei es durch den Einkauf beim Bio-Bauern, den sich der ebenfalls individualisierte „Konkurrent“ um die spärliche Aufmerksamkeit nicht leisten kann). Diese „Hyperindividualisierung“ steht dem Gemeinsamen im Weg und lässt keine verbindenen übergeordneten Ziele zu – völlig egal, auf welchem gesellschaftlichen Feld sich bewegt wird. Dieses mutierte Ich muss weg und ein echtes Wir her, dann bewegt sich etwas.

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    1. Moral beschränkt sich nicht auf Religion. Auszug aus dem Duden: „Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden.“Danke für deinen Input. Was für einen Standpunkt haben Schmidt-Salomon und Dawkins denn? Ich kenne die beiden (noch) nicht.

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  3. Ich finde auch, dass die ganze Nachhaltigkeits- und Healthy-Masche zum Statussymbol geworden ist. Klar stecken in Goji-Beeren viele Vitamine, aber dass diese erst aufwändig importiert werden müssen, was wiederum die Umwelt belastet, gerät dabei schnell in Vergessenheit. Wir haben zwar angefangen, über Nachhaltigkeit und Gesundheit nachzudenken, aber ruhen uns darauf, ohne dabei die Konsum-Maschinerie im Hintergrund laufen zu sehen. Man kann die Denkweise oder gar Gesellschaft nicht von heute auf morgen verändern, deshalb denke ich, dass sich jeder von uns Gedanken über seinen Konsum/Alltag machen sollte und wie dieser sich stückweise nachhaltig, plastikfrei, regional usw. gestalten lässt. Dann ändert sich zumindest schon einmal das Bewusstsein und wir sind ein Stück weiter.
    Wir haben übrigens auch einen Beitrag zum Thema geschrieben, in dem es um „Superfoods“ geht und wie deren Anhänger offenbar keinen Gedanken an die Umwelt verschwenden, sondern sich im Gegenteil noch dafür hypen https://quergetippt.wordpress.com/2017/02/26/die-avocado-ist-das-neue-iphone/
    Viele Grüße, Siri von quergetippt

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  4. Meiner Meinung nach ist es am Nachhaltigsten nichts zu tun. Einfach mal das Superfood, das neue Deo oder das interessante Buch nicht essen, kaufen oder lesen. Sich einfach mal hinsetzen und sich selbst zuhören. So werde ich feststellen, dass ich sooo wenig wirklich brauche. Vieles will ich einfach nur haben, ohne dass es mein Leben verbessert. Ich werde nicht glücklicher mit einer Zahnbürste aus Bambus…
    Nichtstun hat natürlich seine Grenzen! Aber vieles ist gewonnen, wenn wir einfach mal nichts tun würden…

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    1. Hi Daniel,

      diese Erkenntnis ist so simpel und so wahr! Ich habe durch meinen temporären „Konsumverzicht“ festgestellt, dass das Verlangen nach neuer Kleidung kommt und geht. Die elementaren materiellen Grundbedürfnisse sind in unserer westlichen Welt um ein Weites gedeckt.Viele der Innovationen sind auf gut bayerisch gesagt „Schmarrn“, weil sie uns faul machen und/oder komplett unnötig sind.

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