Auszeit von der Auszeit

Unangepasst-Konsumkritik-Minimalismus

Eine Auszeit von den eigenen Prinzipien kann gut tun.

Bloggerin Huong von Minimalkonzept hat kürzlich einen Post über ihre Auszeit vom Minimalismus geschrieben. Der Text hat einen Nerv bei mir getroffen.

Mein Selbstexperiment „5 Monate ohne neue Kleidung“ hat mir gezeigt, dass ich rational betrachtet nicht viel benötige. Einen Monat nach Ende des Experiments bin ich in eine Laissez-faire-Konsumeinstellung gerutscht. Marketing-Botschaften, die mich zum Konsumenten ihres Produkts machen wollten: Ich habe sie gewähren lassen.

Ja, Konsum kann herrlich sein und für Momente kann sich die „Fuck it! Ich kaufs“-Einstellung wie ein Stückchen Freiheit anfühlen.

Kleidung ist in unserer Konsumkultur identitätsstiftend.  Bewusst und unbewusst beurteilen uns andere Menschen in der Öffentlichkeit nach unserem Erscheinungsbild und umgekehrt. Die Dynamik des ersten Eindrucks.

Mode kann Kunst sein. Abseits der Ketten gibt es viele feine Indie-Labels, die mit Künstlern zusammenarbeiten. Es entsteht eine Symbiose von Mode und Kunst, die auf mich eine starke Anziehungskraft ausübt.

Ich muss mich von meinem Schwarz-Weiß-Denken verabschieden. Badumm! Eine wichtige Erkenntnis, die ich nach dem Experiment gewonnen habe. Ja, ich lebe in einer Konsumgesellschaft. Meine Affinität zur Mode als Ausdruck meiner Selbst kann und will ich nicht verneinen.

Authentizität bemesse ich im echten und digitalen Leben eine große Bedeutung zu. Ehrlichkeit und Echtheit sind für einen Großteil der Influencer Konzepte, die das Business verderben. So wundert es mich nicht, dass viele Instagrammer Werbebeiträge nicht (wie gesetzlich vorgeschrieben) kennzeichnen.

Unangepasst ist ein Statement. Nonkonformismus bedeutet für mich, den eigenen Idealen und Überzeugungen zu folgen. Jeder einzelne von uns ist in sein Umfeld, seine Kultur und die moderne Gesellschaft eingebettet. Wir Menschen wollen gefallen, manchmal am liebsten allen. Manche Menschen zerbrechen an dem Versuch, sich passend zu machen. Es ist schlichtweg nicht möglich. Nach außen unangepasst zu sein, bedeutet für mich: Treu zu sich selbst sein. Deswegen teile ich mein konsumkritisches Hadern mit euch.

Ich habe mir vor einem Monat ein Slip Dress bestellt. Neu, weil ich Vintage nie das Perfekte fand. Es wurde aus den USA geliefert. Manche würden eine Bestellung in den USA kategorisch ablehnen. Mir ist der weite Weg meines Pakets bewusst. Via Flugzeug und Auto wird es zu mir transportiert. Dabei werden CO2-Emissionen angestoßen. Fair ist das Fast Fashion-Label, bei dem ich bestellte auch nicht.

Schuldgefühle empfinde ich nicht. Ich habe meinen Kauf sorgsam bedacht, ewig nach eben diesem Kleidungsstück gesucht. Es gibt sicherlich Hardcore-Konsumkritiker, die das verurteilen. Die Tendenz zum Dogmatismus fällt mir manchmal in Minimalismus oder Plastikfrei-Gruppen auf Facebook auf. Das finde ich blöd. Wissen teilen ist schön. Gemeinsam wachsen ist schön. Aber Menschen, die einen (oft) kleinen Teil zur Minimierung ihres ökologischen Fußabdrucks tun im Bewusstsein sie wären der neue Al Gore, nerven furchtbar. Für Nörgler mit einem Drang zur Selbstüberhöhung ist Aktivismus vordergründig Selbstbefriedigung.

Mein Ziel ist es, die goldene Mitte für mich zu finden. Der bewusste Konsumverzicht auf Zeit hat mein Denken nachhaltig beeinflusst und in Richtung Umdenken gelenkt. Ein neues Konsumverzicht-Projekt ist bereits in Planung.

2017 habe ich bis jetzt drei Kleidungsstücke gekauft: Zwei Kleider und eine Jacke. Jetzt verzichte ich wieder auf den Kauf neuer Kleidung. Solange, wie es mir Freude bereitet. Dass billige Saisonmode reduziert werden sollte, daran halte ich fest. An Radikalität, die keine flexiblen Wegänderungen erlaubt, nicht.

2 Gedanken zu “Auszeit von der Auszeit

  1. Schwarz-weiß denken ist immer anstrengend und oft auch Selbst strafend 😥😥😥 schön das Du Dir das gönnen kannst was Dir wirklich gefällt, darum geht es doch. Geniesse Deine neue Kleidung und erfreue Dich daran 👗👖👕 Ich liebe ausgefallene Mode, Kleidung die sonnst Niemand mag, aber dafür liebe ich sie. Ich habe sicher verrückte Klamotten und die machen mir Spaß. Lass Dich bitte nicht von “perfekten“ Menschen beeinflussen, die haben oft viel weniger Spaß!!! Auf Deinem Foto sehe ich das Du Dich individuell kleidest und das strahlt Deine Persönlichkeit aus!!! Super finde ich!!!

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    1. Ich bin d’accord! Vor allem ist Schwarz-Weiß-Denken bei so vielen gesellschaftlichen Phänomenen unangebracht, weil die Probleme eben oft komplexer als auf den ersten Blick sind. Gerade das Tragen der Charakter-Kleidung, die eben nicht Basic und austauschbar ist, macht am meisten Spaß. 🙂 Mode erfüllt viele Funktionen. Der Identitätsstiftung bin ich mir erst richtig bewusst geworden, nachdem ich für eine Weile auf den Kauf neuer Kleidung verzichtet habe.

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