Ich kaufe also bin ich

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Wir kaufen, um uns für den Moment mit etwas Neuem zu kleiden. Wir kaufen, um uns mit anderen zu messen. Wir kaufen, um uns etwas zu gönnen. Wir arbeiten, um zu kaufen. Wir kaufen, um unseren Wohlstand zu zeigen. Wir kaufen, weil uns die Werbung ständig vermittelt, dass uns etwas im Leben fehlt.Wir kaufen meiner Meinung nach zu viel und hinterfragen zu wenig. Was passiert, wenn ich aufhöre zu kaufen?

Das erste Mal ein neues Kleidungsstück tragen. Komplimente erhalten. Sich besonders on point fühlen. Ich glaube, wir alle kennen dieses Gefühl und das danach. Die Neuzugänge reihen sich in eine Sammlung von Schuhen und Kleidung ein. Es ist mir auch schon passiert, dass ich vergessen habe, dass ich einzelne Stücke besitze. Oder der Klassiker: Etwas wird gekauft und nie angezogen.

Im Oktober berichtete ich über meinen Selbstversuch. Ein halbes Jahr keine neue Kleidung kaufen. Auf monatliche Updates habe ich verzichtet. Die Erfahrungen meines Konsumverzichts teile ich in diesem Artikel mit euch.

Mein Selbstexperiment hat Anfang August begonnen. Die  Einstellung zum minimalistischen Konsum, der übrigens zurzeit so im Trend ist, entwickelte sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten. Meine  Reisen nach Kuba und Thailand haben einen großen Teil dazu beigetragen, meine Konsum-Verhaltensmuster durch meinen gezwungen komprimierten Besitz zu überdenken.

Der Shoppingteufel in mir

Die ersten zwei Monate verliefen easy. Ich hatte kein Begehren, meine Zeit in Läden zu verbringen oder online zu shoppen.Wie sehr Shoppen als Freizeitbeschäftigung in unsere Gesellschaft verankert ist, wurde mir klar, als ich am Donnerstagnachmittag mit meinem Bruder durch die Fußgängerzone meiner neuen Heimatstadt gegangen bin. Ich habe ihn als Beratung begleitet. Die Läden waren gefüllt mit Menschen, die ihre freie Zeit hier verbrachten. Zwischen Kindergeschrei, unachtsam drapierten Pullovern, menschengefüllten Gängen und mittelmäßiger House-Musik, die wohl die Kaufbereitschaft steigern soll.Einkaufen ist für viele von uns zur Gewohnheit geworden. Konsum als Automatismus, der die Leere in unseren Herzen scheinbar kurz füllt. Bis zum nächsten Kaufimpuls. Gewohnheiten geben unserem Leben Struktur, forcieren aber auch regelmäßige Aktionen.

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In den Monaten drei bis fünf gab es Momente, in denen mir der verinnerlichte Konsumautomatismus brutal bewusst wurde. Als ich nach ewiger Zeit mal wieder durch den H&M ging. Einen zuckersüßen Weihnachtssweater mit Pailletten, einen eleganten Plisseerock und einen Oversize-Pulli mit Potenzial zu meinem neuen Lieblingsstück entdeckte. Jedes Teil konnte für weniger als 40 Euro mir gehören. Kribbeln im Bauch. Der Drang, die Dinge zur Kasse zu bringen und den Geldbeutel zu zücken. Mein Kontostand ärmer, mein Kleiderschrank reicher. Den Laden habe ich trotz einem sehr großen Wunsch diese Kleidungsstücke zu besitzen, verlassen. Ohne etwas gekauft zu haben.

ASOS ist schuld an einem weiteren kritischen Moment für das Gelingen meines Selbstversuchs. Nach einigen Monaten Abstinenz flüsterte die innere Stimme meines Shoppinggotts mir zu, dass ich den Onlineshop unbedingt aufsuchen sollte. Denn Overknee Boots hatte ich tatsächlich keine, wollte aber welche. Ein Suchbegriff, zack: Mehr als hundert Exemplare.Das Überangebot im Shop hat mich geflashed. Mehrere Monate hatte ich keinen Onlineshop mehr besucht. ASOS, ZARA, Pull & Bear – Die Einkaufsadressen des Mittelstands, ich hatte sie bewusst gemieden. In einer Anwandlung von Euphorie gepaart mit dem Adrenalin, diese classy Overkneeboots und die stylischen silbernen Brogues bereits in wenigen Tagen tragen zu können, häufte sich die Artikelanzahl in meinen Warenkorb. Um drei Uhr nachts. STOP! 5 Monate – Was sind schon 5 fucking Monate? Ein Stückchen meiner Disziplin hielt mich davon ab, auf den verführerischen Kaufen-Button zu klicken. Am Morgen danach war all die Aufregung um die Bekleidungsstücke, die meine Garderobe bereichern sollten vergessen. Nichts. Wirklich nichts davon brauchte ich wirklich. Ich wollte es halt nur.

Was bleibt nach dem Selbstexperiment?

Der bewusste Verzicht auf den Kauf neuer Kleidung hat mich zwei wichtige Dinge gelehrt: Ich brauche wenig und will viel.

Fette rote „SALE“-Buchstaben, die nach „KAUFEN!“ schreien, vermittelten mir: Die Chance ist einzigartig. Automatisch mehr kaufen, weniger bezahlen. Klingt fantastisch!  Mein Verstand wurde durch den Verkaufsimpuls schon einige Male ausgeschalten.

Doch der Sale kommt wieder. Neue Kollektionen, neue Trends und neue Instagram-Influencer. Das perfide System bestehend aus Werbung, Psychologie und attraktiver Preisgestaltung hat mich schon oft überzeugt. Es nährt den beständigen Kauftrieb des Konsumenten.

Das Wissen, dass ich mit jedem Kauf an einem unmenschlichen Wirtschaftssystem teilnehme und die Verschwendung von Ressourcen unterstütze, kann ich nicht mehr ausblenden.

Mein Bewusstsein für den wahren Preis der Kleidung, die ich am Körper trage, hat sich geschärft. Mit Sicherheit ist aus einem Fashion-Paulus kein Saulus geworden. Weil wir als Konsument in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem nie zu 100 Prozent ethisch handeln (können).

In Zukunft möchte ich weiter machen. Weniger kaufen. Mich vor jedem neuen Kleidungsstück fragen: Brauche ich das? Wieso möchte ich es haben?

Echter Minimalismus ist kein fancy Modetrend. Meine partielle Konsumverweigerung ist das Resultat meiner Selbständigkeit. Ich möchte mich nicht mehr von der Werbung manipulieren lassen. Für mich selbst denken.

„Advertising has us chasing cars and clothes, working jobs we hate so we can buy shit we don’t need.“ – Fight Club

Bewusster und weniger konsumieren in 4 Schritten

Die Entscheidungsprozesse für oder gegen den Kauf eines bestimmten Lifestyleprodukts verlaufen in jedem Kopf unterschiedlich. Ich habe in vier Denkschritten realisiert, wieso ich bestimmte Dinge kaufe und darauf weitgehend verzichten kann. Vielleicht hilft es dir ja auch.

1.) Selbstkritik: Den eigenen Konsum kritisch hinterfragen. Dazu könnt ihr zum Beispiel über mehrere Monate eine Liste mit euren Konsumausgaben führen.

2.)Reflektion: Was brauche ich wirklich? Oft: Nichts. Haben möchte ich es trotzdem. Zwischen dem Konsumverlangen und dem Kauf liegt euer rationaler Verstand.

3.) Abstand: Bestelle online nicht sofort, wenn du etwas haben möchtest. Ein, zwei Tage geben dir die Gelegenheit zum Überlegen. Meine Erfahrung war, dass der plötzliche Drang, ein Kleidungsstück zu besitzen auf die selbe Weise verschwand.

4.) Verstehen: Hinter dem vermeintlich freien Wunsch etwas zu kaufen steckt fast immer ein ausgeklügelter Marketingmechanismus.

Ethischer Konsum – Meine Empfehlungen

Wir alle wissen, dass Asos, H&M, Zara aber auch Premium-Marken wie Tommy Hilfiger den größtmöglichen Profit erzielen möchten. Die ArbeiterInnen in Entwicklungsländern sollen zum kleinstmöglichen Preis wie eine Maschine funktionieren, damit wir in westlichen Ländern fett im Sale shoppen können. Die Ethik hinter diesem unmenschlichen System ignorieren beide Beteiligten: Die Konzerne und KonsumentInnen. Da ich in diesem Artikel von meinen persönlichen Erfahrungen berichte, verzichte ich auf weitere faktische Hintergründe.

Wenn du weiter in das Thema „Nachhaltigen Konsum“ einsteigen möchtest, kannst du dich durch meine persönlichen Text- und Filmempfehlungen klicken.

Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade von einfachnachhaltigbesserleben teil.

7 Gedanken zu “Ich kaufe also bin ich

  1. Je länger ich Konsum abstinenz betreibe, desto lächerlicher wird Reklame für mich!!!
    Oft denke ich willst Du mir jetzt wirklich dieses Ding in diesen großen roten “SALE“ Schriftzügen andrehen… es ist doch fantastisch das Du merkst wie du und dein Körper darauf reagierst ein erlerntes Verhalten und jetzt verlernst Du es eben!!! Viel Glück!!!

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    1. Ich stimme dir voll und ganz zu! Nachdem der erste Schritt getan war, hat sich mein Bewusstsein für die Wahrnehmung von Werbung verändert. Unser Konsum wird durch die Gesellschaft und Wirtschaft geprägt. Umso mehr freut es mich aber auch, dass es immer mehr faire Labels gibt.

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  2. Toller Text, das regt echt noch mehr zum Nachdenken und Weitermachen an! Ich bin ein totaler Fan von Vintage aber auch normalem Second Hand, immer eine gute Alternative wenn einen doch der Shoppingrausch überkommt 😛
    Liebste Grüße, Hannah 🙂

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    1. Oh ja! Und du hast so viel Vintage-Inspiration auf dem Blog! Wenn ich deinen Slip Dress-Post nur ein wenig eher gesehen hätte. Daran, dass man sich dieses Kleid durch einen relativ einfachen Schnitt auch selber nähen kann, wäre ich erstmal nicht gekommen. X, Anna

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    1. Liebe Maren,

      entschuldige meine späte Antwort! Ich war vereinnahmt von Aufgaben für die Uni und habe erst jetzt die Zeit für den Blog gefunden. Den TED Talk kenne ich noch nicht! Zehn Stücke klingen sportlich. Das werde ich mir am Wochenende gleich ansehen. Beide Bücher kenne ich ebenso noch nicht und habe sie auf meine Bücherliste gepackt. „Lessons from Madame Chic“ hat mich schon wegen des Settings in Paris. Ich beschäftige mich momentan sehr viel mit moderner Kunst & Stil. Paris war ja schon immer ein wichtiges europäisches Zentrum für Stil und Ästhetik.
      Hab ein schönes Wochenende!

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