Skid Row – Porträts der Vergessenen der USA

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Skid Row ist einer der größten sozialen Brennpunkte der USA. Die Fotografin Suzanne Stein besucht den Bezirk seit einem Jahr regelmäßig. Entstanden ist dabei ein Fotografie- und Dokumentationsprojekt, das den Betrachter tief in die Straßen und Hinterhöfe der anderen Seite Los Angeles‘ mitnimmt.

Etwa 44.359 Menschen leben ohne festen Wohnsitz in der für Hollywood und Glamour bekannten US-Stadt Los Angeles. Das ergab eine Zählung  der Homeless Services Authority im vergangenen Jahr. Ein großer Teil der Obdachlosen lebt in Skid Row, einem Downtown Viertel, das zum Synonym für Leid und Elend geworden ist.

Die Streetfotografin Suzanne Stein hat Skid Row regelmäßig besucht. Sie hat mit den Menschen gesprochen, viele Gesichter und Geschichten dokumentiert. Einzigartige Momentaufnahmen aus den Leben von Skid Row Bewohnern zeigen eine Vielfalt an Persönlichkeiten und Lebensgeschichten, eine komplett andere Seite der dekadenten Glamour-Stadt.

Im Interview hat mir Stein mehr über ihr Fotografie- und Dokumentations-Projekt erzählt.

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India

Skid Row ist bekannt als ein Bezirk mit überdurchschnittlich hoher Obdachlosigkeit. Wann hat dein dokumentarisches Fotografie-Projekt begonnen? Wieso hast du diesen Ort/ dieses soziale Thema gewählt?

Vor etwa einem Jahr bin ich das erste Mal durch das Skid Row Gebiet gefahren. Ich bin viel gereist und habe in vielen Orten der Welt gelebt. Doch noch nie zuvor habe ich eine solche emotionale Intensität, vielfältige visuelle Strukturen und ausdrucksstarke, unbeständige Interaktionen, die Tag und Nacht sichtbar sind, beobachtet. Ich war sofort fasziniert und gefesselt von dem, was ich sah und wusste, dass ich nicht zufrieden sein konnte, bis ich eine Art entwickelt hatte, um Fotografien auf der Straße zu schießen, die mit all dieser intensiven Aktivität versponnen sind.

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Wie fühlst du dich nach einem Tag in Skid Row? 

Ich bin grundsätzlich erleichtert, dass meine Kamera nicht gestohlen wurde oder ich nicht in eine chaotische, unvorhersehbare Situation mit jemandem geraten bin, der psychisch krank, high auf Drogen war oder auf andere Weise ein Sicherheitsrisiko darstellt. Bis jetzt hatte ich keinerlei ernste Probleme… Ich war schon nah dran und wurde einige Male grob behandelt. Viele der Menschen mit denen ich interagiere sind mir gegenüber respektvoll und freundlich. Es gibt wirklich gute Menschen, leider auch zutiefst kranke Individuen, die große Grausamkeiten an anderen ausüben und ich behalte das immer wachsam im Hinterkopf. Erst nachdem ich Skid Row verlassen habe, beginne ich damit, das Gesehene oder Fotografierte zu reflektieren.

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Was hat dich am meisten erstaunt nachdem du diesen Bezirk so oft besucht hast?

Das Merkwürdigste, das ich je beobachtet habe, war ein unerklärliches Vorkommnis mit zwei weißen Männern, die in die Nähe eines Zelts liefen, wo ich einen Photo Essay beendete. Sie begannen damit, einer fast bewusstlosen schwarzhäutigen Frau, die erschwacht zwischen einer Mauer und einem Gebäude lag, etwas zu injizieren. Sie injizierten ihr etwas in den Nacken, redend und lachend… Die Frau sackte noch mehr in sich zusammen. Sie gingen, nachdem sie den Inhalt der Nadel langsam direkt in ihren Nacken gespritzt hatten.

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Victoria

Nach welchem ethischen Maßstab entscheidest du, welche Momente geeignet sind, um fotografiert und veröffentlicht zu werden?

Ethik steht zu vielen Zeiten an vorderster Stelle in meinem Kopf, wenn ich Geschichten erzähle oder Bilder poste, die für alle im Internet sichtbar sind. Um die Wahrheit in Dokumentationen aller Art zu erzählen, muss man sich leider damit wohlfühlen, die persönlichen Wahrheiten anderer Leute zu enthüllen, wenn mit der Enthüllung dieser Intimitäten ein größerer Nutzen gerechtfertigt werden kann. Es gibt viele Bilder und Handlungen, die ich privat halte, weil ich mich nicht damit wohlfühle. Außer jemand (und das tun viele) sagt spezifisch: „Erzähl meine Geschichte, alles davon“ … und selbst dann wird viel ausgelassen.

Ich betrachte mich selbst hauptsächlich als Straßenfotografin und ich glaube, dass die Berücksichtigung des ethischen Aspekts vielen Menschen in diesem Genre fehlt. Die Wahrheit tut manchmal weh und ich habe das Gefühl, dass die kleinen Wahrheiten in meinen Bildern auf größere, komplexere soziale Probleme angewandt werden können, die weitere Erforschung benötigen.

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Doreen

Hat dieses Projekt deine persönliche Sicht auf die Gesellschaft der USA verändert? Auf welche Weise?

In manchen Aspekten. Meine langjährigen persönlichen Ansichten über die menschliche Natur und soziale Probleme, die eine voreingenommene, geschichtete Gesellschaft reflektieren, sind einer der Gründe, wieso ich mich zu vielen Leuten und Situationen, die ich in Skid Row finde, hingezogen fühle.

 In den USA werden wir mehr und mehr gefühllos gegenüber den Wurzeln von Armut, sozialer Gerechtigkeit und täglicher Wut und Misstrauen, das zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer und wirtschaftlicher Hintergründe herrscht.

Das Leben ist im tiefsten Sinn nicht fair für viele Menschen und persönliches Überleben ist gänzlich abhängig von der Fähigkeit des Einzelnen enorme negative Einflüsse wegzuschieben, um sich über einen schwierigen persönlichen Hintergrund hinweg zu setzen und eine neue Realität für sich selbst zu schaffen.

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Name unbekannt

Menschen öffnen sich mir oft komplett, weil ich ein Bild von ihnen mache und mich komplett auf sie fokussiere. Bereits geringe Aufmerksamkeit von der Außenwelt kann gewaltige Reaktionen in jemandem hervorrufen, der von der Außenwelt komplett abgeschottet ist. – Suzanne Stein

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Victoria

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Liebe Suzanne, danke für das Interview!
Mehr Bilder und Geschichten aus Skid Row findet ihr auf Suzanne Steins Blog und auf Instagram: suzanne_stein.

Alle Bilder: Suzanne Stein

7 Gedanken zu “Skid Row – Porträts der Vergessenen der USA

    1. Wie wahr, meine Liebe! Das Zitat „Die Wahrheit tut manchmal weh und ich habe das Gefühl, dass die kleinen Wahrheiten in meinen Bildern auf größere, komplexere soziale Probleme angewandt werden können, die weitere Erforschung benötigen“ Suzanne Steins bringt es sehr gut auf den Punkt, finde ich. Ehrlichkeit geht manchmal einher mit einer gewissen Brutalität.

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  1. Beeindruckendes Interview! Ich persönlich kannte dienFotografin und ohre Werke nicht und bin sowohl von ihrer Arbeit als auch von ihrem Denken begeistert. Die Bilderndie sie macht und dein Beticht regen zum Nachdenken an und das ist generell immer sehr begrüßenswert. LG Scarlet

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    1. Es freut mich sehr, dass du mich mit den Bildern und dem Interview auseinandergesetzt hast. Suzanne Stein ist eine bewundernswerte, kluge Frau und ich bin sehr froh darüber, dass sie sich die Zeit für das Interview genommen hat und ich ihre Arbeit vorstellen darf.

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