In Rumänien bist du mehr tot als in Deutschland

Stefan Corb kommt aus Rumänien. Er ist nach Deutschland gekommen, um zu arbeiten. Seit vier Monaten ist er obdachlos. Eine Begegnung mit einem Mann, der viel verloren hat. Außer seine Hoffnung.

„Immer in Bewegung, nicht stehen bleiben“, es klingt fast so, als würde Stefan Corb sich selbst Mut zusprechen, während er aus seinem Leben erzählt. Einem Leben geprägt von finanzieller Not, Einsamkeit und dem Kampf um das tägliche Überleben.

Geboren wird Stefan in Rumänien. Als studierter Informatiker geht er jeden Tag zur Arbeit, um das Überleben seiner vierköpfigen Familie zu sichern. Irgendwann wird die finanzielle Situation in seiner Heimat immer schlechter. Der Lohn reicht nicht mehr, um die Familie zu ernähren. Der Arbeit wegen geht er nach Deutschland.

In einer zerschlissenen Jacke sitzt Stefan auf der Bank. Vor sich eine unangetastete Suppe. Ich treffe ihn in der Wärmestube des SKM. Der Verein des katholischen Verbands für soziale Dienste bietet obdachlosen Menschen einen Aufenthaltsraum und ein warmes Mittagessen.

Ob er enttäuscht vom Leben ist? Stefan denkt kurz nach, nimmt noch einen Zug von seiner selbstgedrehten Zigarette und spricht dann zögerlich, aber bestimmt: „Ich bin enttäuscht, weil ich in dieser Situation bin. Weil ich ein paar Fehler gemacht habe, wegen meiner Fehler bin ich in dieser Situation.“

Anfangs in Deutschland läuft es gut. Er verdient nicht schlecht. Manchmal bis zu 3.000 Euro im Monat. Einen Großteil des  Geldes schickt er nach Rumänien, um das Studium seiner beiden Töchter zu finanzieren. Der Ältesten kauft er ein Auto. Fünf Jahre lang schickt er monatlich Geld in die Heimat. Dann geht es bergab. Trotz unentwegter, urlaubsfreier Arbeit im Straßenbau, Trockenbau, als Maler oder bei der Post. Er verliert  seinen Job bei einer Baufirma, da die Firma in Insolvenz geht und der Arbeitgeber nicht mehr zahlen kann. Stefan beginnt zu trinken. Verliert deshalb Gelegenheitsbeschäftigungen und kann die Miete für seine Wohnung bald nicht mehr bezahlen.

Seit vier Monaten lebt er auf der Straße. Ohne festen Wohnsitz und ohne Geld. Das einzige was er besitzt ist die Kleidung, die er trägt und einige Stücke zum Wechseln. Am Handgelenk trägt er eine Uhr. Die wichtigsten Briefe vom Jobcenter und anderen Behörden hat er in der Innentasche seiner Jacke verstaut. Wenn es nicht zu kalt ist, schlägt er sein Zelt auf. Erst kürzlich hat er es gekauft, um im Wald zu schlafen. Im Winter bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt draußen zu schlafen kann tödlich sein. Das weiß er. Derzeit nächtigt er in einer verlassenen Garage. Ohne Licht, Wasser und Heizung aber auch ohne die  Gefahr, im Winter draußen zu erfrieren.

Einen festen Tagesablauf hat Stefan nicht. Nach dem Aufstehen hat er oft noch keine Beschäftigung für den Tag. „Was kann ich machen?“, fragt er sich dann selbst. Oft hat er Plan A und Plan B. Plan A und sein Traum für die Zukunft ist es, endlich wieder Arbeit zu finden. Plan B  ist das ziellose Umherlaufen in der Stadt Augsburg. Wenn er sich bewegt, dann ist die Situation nicht ganz so schlimm. Die Depressionen haben keine Chance, sich seiner zu bemächtigen. Meistens läuft er um die 24 Kilometer am Tag, weil er keine bessere Beschäftigung findet und sich davor fürchtet, dem Alkohol zu verfallen. Zeitweise hat er viel getrunken und dadurch Anstellungen verloren. Heute trinkt er nichts mehr, wenn er Arbeit gefunden hat.

Er bekräftigt: „Manchmal ist es schwer, aber ich bin Optimist und kein Pessimist und wenn ich genug laufe, dann denke ich nicht an so viel Schlimmes.“ Alleine auf sich gestellt meistert er sein Leben. Ohne zu wissen, was morgen sein wird. Ohne die Gewissheit, sich eines Tages, wie er sagt, aus dem Teufelskreis der Obdachlosigkeit befreien zu können.

Die Furchen seines wettergegerbten Gesichts lassen nur erahnen, wie ihm das unstete Leben zugesetzt hat. „In Rumänien bist du mehr tot als in Deutschland.“ Aus diesem Grund verliert er seine Hoffnung nicht.

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