In Rumänien bist du mehr tot als in Deutschland

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Foto: „poverty“ von Luis Felipe Salas unter CC BY-NC-ND 2.0

Stefan kommt aus Rumänien. Er ist nach Deutschland gekommen, um zu arbeiten. Gelandet ist er auf der Straße. Ich habe mit ihm über sein altes Leben, seinen Alltag und seine Hoffnung gesprochen.

„Immer in Bewegung, nicht stehen bleiben“, es klingt fast so, als würde Stefan C. sich selbst Mut zusprechen, während er aus seinem Leben erzählt. Einem Leben geprägt von finanzieller Not, Einsamkeit und dem Kampf um das tägliche Überleben.

Geboren wird Stefan in Rumänien. Als studierter Informatiker geht er jeden Tag zur Arbeit, um das Überleben seiner kleinen Familie zu sichern. Irgendwann wird die finanzielle Situation immer schlechter und der Lohn reicht nicht mehr, um die Familie zu ernähren. Der Arbeit wegen geht er nach Deutschland.

Szenenwechsel. Er sitzt in einem dunklen Raum an einem braunen Tisch. Vor sich einen Teller Suppe, das Stimmengewirr an den Nachbartischen in dem vollen Raum ist so laut, sodass man kaum sein eigenes Wort hört. Die Winterjacke des Rumänen hat dieselbe weinrote Farbe, wie die Wand hinter ihm. Es scheint, als sei er selbst Teil des Inventars in der Wärmestube des SKM Augsburg, einem Verein des katholischen Verbands für soziale Dienste. Hier können sich Obdachlose Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Straße gelandet sind aufwärmen und erhalten dort eine warme Mahlzeit. Auch eine Duschmöglichkeit gibt es.

Ob er enttäuscht vom Leben ist? Er denkt kurz nach, nimmt noch einen Zug von seiner selbstgedrehten Zigarette und spricht dann zögerlich, aber bestimmt: „Ich bin enttäuscht, weil ich in dieser Situation bin. Weil ich ein paar Fehler gemacht habe, wegen meiner Fehler bin ich in dieser Situation.“

Anfangs in Deutschland läuft es gut. Er verdient nicht schlecht, schickt einen Großteil seines Geldes jeden Monat an seine Töchter in Rumänien und kauft der Ältesten sogar ein Auto. Fünf Jahre lang kann er es bewerkstelligen, Geld in die Heimat zu schicken. Dann geht es bergab, trotz unentwegter, urlaubsfreier Arbeit im Straßenbau, Trockenbau, als Maler oder bei der Post. Irgendwann verliert er seinen Job bei einer Baufirma, da der Arbeitgeber nicht mehr zahlen kann und die Firma in Insolvenz geht.

Seit vier Monaten lebt Stefan nun auf der Straße. Ohne festen Wohnsitz und ohne Geld. Das einzige was er besitzt ist die Kleidung, die er trägt und einige Stücke zum Wechseln. Am Handgelenk trägt er eine Uhr. Die wichtigsten Briefe vom Jobcenter und anderen Behörden hat er in der Innentasche seiner Jacke verstaut. Wenn es nicht zu kalt ist, schlägt er das Zelt, welches er sich vor Kurzem gekauft hat, im Wald auf, um dort zu schlafen. Im Winter bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt draußen zu schlafen ist aber tödlich. Derzeit nächtigt er in einer verlassenen Garage. Ohne Licht, ohne Wasser, ohne Heizung, aber auch ohne die  Gefahr, im Winter draußen zu erfrieren.

Einen festen Tagesablauf hat Stefan nicht, nach dem Aufstehen hat er meist noch keinen Plan für den Tag. Dann muss er sich selbst fragen: Was kann ich machen? Oft hat er Plan A und Plan B. Plan A und sein Traum für die Zukunft ist es, endlich wieder Arbeit zu finden. Plan B ist das Eintreiben von Geld, welches ihm andere noch schulden. Plan B der anderen Art ist das ziellose Umherlaufen in der Stadt Augsburg. Wenn er sich bewegt, dann ist die Situation nicht ganz so schlimm und Depressionen haben keine Chance, sich seiner zu bemächtigen. Meistens läuft er um die 24 Kilometer am Tag, weil er keine bessere Beschäftigung findet und sich davor fürchtet, dem Alkohol zu verfallen. Denn zeitweise hat er viel getrunken und hat dadurch gelegentliche Beschäftigungen für kurze Zeit verloren. Heute trinkt er nichts mehr, wenn er Arbeit gefunden hat.

Er bekräftigt: „Manchmal ist es schwer, aber ich bin Optimist und kein Pessimist und wenn ich genug laufe, dann denke ich nicht so schlimm.“

Alleine auf sich gestellt meistert er so sein Leben. Ohne zu wissen, was morgen sein wird. Ohne die Gewissheit, sich eines Tages , wie er selbst sagt, aus dem Teufelskreis der Obdachlosigkeit befreien zu können.

Die tiefen Falten seines Gesichtes lassen nur erahnen, wie ihm das unstete Leben zugesetzt hat, welches ihn letztendlich in seine aktuelle Situation manövriert hat. Unter die Sorgenfalten mischen sich aber auch kleine Lachfältchen in sein Gesicht. Stefan hat wache Augen und einen starken Blick – er bleibt nicht stehen und wird niemals aufgeben.

„In Rumänien bist du mehr tot, als in Deutschland.“ Genau aus diesem Grund verliert der Rumäne nie seinen Optimismus, auch wenn, besonders in der Früh, die Depression ihn manchmal zu ertränken versucht. Er geht einfach weiter, bleibt nicht stehen in der Obdachlosigkeit und verliert nie den Glauben daran, dass er bald endlich wieder arbeiten darf, um sich sein tägliches Brot selbst zu verdienen. Plan A ist es, Arbeit zu finden und der Obdachlosigkeit zu entkommen.

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