Romeo und Julia auf dem Dorfe

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Klassiker neu Interpretiert, Part II. 

Als Gottfried Keller sein Werk „Romeo und Julia auf dem Dorfe“, in dem er die allgemein bekannte Handlung von Shakespeares „Romeo und Julia“ in eine ländliche Gegend verlegt, schrieb, dachte er wohl nicht im Traum daran, dass wir das Geschehen wiederum an einen anderen Ort projezieren würden …

Fünfmal im Jahr wage ich mich in die städtische Dorfdisko. (Als Germanistikstudentin muss ich mich selbst dafür loben, welch tolles Paradoxon mir gerade gelungen ist.) Dieses mal gehe ich, weil eine Freundin Geburtstag hat und uns somit ein toller Abend inklusive gratis Eintritt und Freigetränken versprochen ist. Wer sonst nur in angesagten Clubs feiern geht (was ich von mir leider nicht behaupten kann), für den beginnt bereits beim Betreten der Kulturschock: orange verputzte Wände, die mich unweigerlich an das neugebaute Haus einer geschmacksverirrten, jungen Familie denken lassen, die sich auch gerne mal Wandtattoos mit Kalendersprüchen in den Gang klebt. Es riecht nach One Million, da eine Achtergruppe von Besuchern türkischer Abstammung wohl ein rituelles Bad darin genommen hat.

Doch nach ein paar Tequila Zimt Shots aufs Haus betrachtet man das Ambiente schon weniger kritisch. Dann mal ab auf die Tanzfläche! Mit Chartmusik in den Ohren analysiere ich eine Struktur, die mich an den Aufbau einer Großstadt erinnert: ganz am Rand bewegen sich eingeschüchterte junge Mädchen vorsichtig hin und her. Leise singen sie den Text mit. Platzmangel gibt es hier nicht, aber unter coolen Kids ist der Rand natürlich verpöhnt.

Je weiter ich mich in die Mitte wage, desto lebendiger, wilder, aufregender wird es. Und da erspähe ich es: ein Pärchen, das so klischeehaft nach Dorf aussieht, dass es schon fast ironisch ist; er trägt ein kurzärmliges Karohemd zu hellen Jeans und blondierten Haaren und sie kurze Jeansshorts mit Bandeau (das eigentlich nur fürs Drunterziehen und nicht als Oberteil gedacht ist) und gemusterter Spitzenstrumpfhose. Als mein Blick auf die Schuhe fällt, die vor zehn Jahren mal in waren, drohe ich in Ohnmacht zu fallen, doch der nette 40-jährige Mann im Trachtenhemd, der sich jeden Samstag in der Dorfdisko aufhält und durch seinen „Pädobär-Tanzstyle“ schon Kult geworden ist, fängt mich zum Glück auf. Wer mich jetzt für oberflächlich und vorurteilsbehaftet hält, hat in diesem Fall Recht. Denn bei solchen Pärchen treffen Klischees zu 99% zu.

Und trotzdem haben sie ihren Spaß, tanzen verliebt und fühlen sich in ihren Sachen wohl. Ein echtes Traumpaar eben, wie Romeo und Julia … auf dem Dorfe.

Header-Foto: Ford Madox Brown [Public domain], via Wikimedia Commons

Ein Gedanke zu “Romeo und Julia auf dem Dorfe

  1. Romeo und Julia auf dem Dorfe, steht auf meiner Leseliste.
    Als ehemaliges Dorfmädchen musste ich Schmunzeln, denn ich kenne deine Beschreibungen auch zur Genüge und tatsächlich sahen unsere Dorf-Traumpaare genauso aus, wie beschrieben. Aber du gehst da echt 5 mal im Jahr hin? 😀 Ich habs nach ein paar Versuchen komplett aufgegeben. Mir erschließt sich der Sinn von Alkohol, Drogen und verschwitzten Körpern zu Ohrenbetäubend schlechter Musik nicht :D.

    Liebe Grüße, Anja

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