Ein Streifzug durch Hipster Berlin

Unangepasst-Individuell-Kolumne-Anna-Sophie

Lass‘ uns  über die Bedeutung von Individualität in Berlin plaudern. 

Was ist Individualismus? Die ganzen Berliner Wintätsch-Stores sind voller Leute, die Ausschau nach hyperindividueller Fäschn halten und hyperventilieren, wenn sie Echtpelz aus den 90ern für nur 200 Euro finden. Ich verstehe das nicht. Also, dass man tote Tiere am Leib tragen möchte. Echt nicht. Fragt mal Pamela Anderson, die trägt lieber  nichts und sieht dabei gut aus. Zugegeben nach dem ein oder anderen Schönheits-Eingriff, aber das tut ja nichts zur Sache.

In Kreuzberg und Friedrichshain wimmelt es nur so vor individuellen Menschlein. Als ob jemand eine Konservenbüchse voller  Hipster aufgemacht hätte. Ich bin mir nicht sicher, wie ich einen Kerl in knallenger Leggings ohne langes Oberteil und mit einem pink-schwanzigen Hund namens Shampoo finden soll? Natürlich siegt die Individualität. Jeder muss tragen, was ihm gefällt.

Individualität beginnt bei der investigativen Recherche für das Outfit auf Instagram, beim Jagen nach Rabatten im Zara-Sale, einer Prügelei um das letzte Primark-Spruch-Shirt und dem Tragen einer superindividuellen Gym Bag auf dem Rücken. Fand im Club immer, dass die Leute damit wie Schildkröten aussehen. Berlin hat meine Meinung aber geändert. Ich mag auch individuell sein und das sofort dem Rest der Welt zeigen.

Unangepasst-Individuell-Anna-Sophie-55

Ganz famos finde ich die Klos im Südblock am Kotti. Die sind für alle Genders offen. Mag ich. Wo sonst begegnet man Joseph Wolfgang Ohlert zweimal auf der Toilette oder steht am Papiertuch-Spender direkt neben Jack Strify und trocknet sich dabei synchron die Hände? Außerdem sind noch zwei Menschen mit nicht klar identifizierbarem Geschlecht für eine ganze Weile im Klo verschwunden. Ich weiß nicht, was sie alleine dort gemacht haben. Man sah lediglich die Schatten durch die Schlitze unter der Tür, die haben sich bewegt. Schätze, sie hatten alleine Angst dort.

Individuell sind in Berlin auch die Straßen. Die Warschauer Straße in Berlin ist nach der Nacht zum Beispiel immer von Flaschen-Scherben übersät. Die Opfer, die dieses Fiasko am Morgen danach sauber machen müssen, tun mir leid. Also ein bisschen. Macht nie den Fehler mit einem Trolley über dieses Scherben-Massaker zu fahren. Keine gute Idee.

Jedes individuelle Café in Berlin ist voller individueller Menschen. Mit Brillen, Anzügen, Kinderwägen oder ihrem MacBook. Denn du weißt schließlich: Ohne MacBook bist du kein richtiger Hipster. Hoch im Kurs sind bei den hyperindividuellen Kaffee-Trinkern außerdem Nike Thea oder Adidas Superstars am Fuß, ein Starbucks-Kaffeebecher in der einen und ein rosafarbenes iPhone 6S in der anderen.

Die wahrhaftig individuellen sind die Wahnsinnigen, die sich auf den Straßen, in den U-Bahnen, in den Altbauten, in den Universitäten aufhalten. Menschen, die nach Auffassung der Gesellschaft keinen bis wenig Verstand mehr haben oder hatten, die jeder reden lässt, wenn sie Schimpf-Tiraden in der U-Bahn loslassen oder auf der Straße Laternenpfähle anmaulen. Berlin ist ja eh die Stadt der Irren, abgesehen von der hohen Rate an  Hipstern.

Anna-Sophie-Unangepasst-Blog

Ich hatte kürzlich das inspirierende Glück zwei wirklich Individuellen zu begegnen: Einem (vermutlich) schizophrenen Typ, der erbost aus der U-Bahn in Pankow stürmte und eine Schimpftirade nach der anderen los ließ. Dabei brüllte er so laut und wahnsinnig, dass sich alle (einschließlich mir) an der Ampel umdrehten. Bevor diese auf Grün umschalten konnte, hatte er uns eingeholt und stürmte über die rote Ampel, nicht ohne dabei ein unverständliches Wirrwarr von sich zu geben. Er klang zwar wütend, aber seine Selbstkonversationen schienen keineswegs langweilig zu werden.Überfahren wurde er übrigens auch nicht, obwohl gerade ein Auto die Straße überqueren wollte, als er wie ein Terrorist auf die andere Seite stürmte. Ein paar Hup, Hups später habe ich mich dann ein bisschen in Pankow verlaufen, aber das ist eine andere Geschichte.

Ein anderer Typ, Sorte Studenten-Style mit Brille und Pullunder, sah (eigentlich) normal aus, als er sich dann gegenüber der Tür positionierte und den Mund aufmachte, wusste keiner so recht. Es ging ihm dann darum, am Tag der Anschläge in Brüssel zu betonen, dass der Islamismus sich nicht am Islam festmacht. Außerdem gab er allen Desinteressierten U-Bahnfahrern einen Buchtipp, den sich keiner gemerkt hat.Als er ausstieg und sich für die nicht existente Aufmerksamkeit bedankt hatte, blieb ich ratlos zurück. In keine Schublade konnte ich diesen Menschen einordnen. Ein Indiz, dass jemand wirklich und nicht fakeindividuell ist. Die Intention seiner Rede fand ich übrigens auch gut, nur war sein Weg, den Menschen in der U-Bahn auf die Nerven zu gehen vielleicht nicht der richtige. Er sollte Blogger, Snapchat-Superstar oder YouTube-Guru werden.

Unangepasst-Individuell-2-Anna-SophieIndividuell und unangepasst wie ich bin trinke ich jetzt (21 Uhr) noch meine Mio Mate (keine Club Mate – So viel Rebellion muss sein), schreibe für meinen Blog und lege mich dann in meiner fabelhaften Residenz aka Altbauwohnung mit weißem Stuck an den Decken auf’s Ohr. Seid neidisch!

Ps. Den Berlin Hipster Song aus dem ersten Bild gibt es wirklich. Das Video ist einen Klick wert. Es spielt mit Hipster-Klischees, passend untermalt mit Bildern von schwäbischen Vintage-Hipstern, Prenzlauer Berg-Vibes und ein wenig Krawall. Aber die Stadt gehört allen, ihr wisst ja.

2 Gedanken zu “Ein Streifzug durch Hipster Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s